Zuckermeyer - Tangermünde

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Zuckermeyer


Zucker-Meyer

Von der Zuckersiederei im Hinterzimmer im Herzen Tangermündes
 zur Unternehmensgruppe mit Niederlassungen in
 Europa, Amerika und Asien
Der Name „Zucker-Meyer“ ist jedem Tangermünder ein Inbegriff, welcher zur Zeit der Wende, also 1989, mindestens 16 Jahre alt war. Meyer ist der Name dieser Industriefamilie mit Ursprung in Tangermünde, die unter anderem die Schokolade Feodora herstellte. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges waren in den Meyerschen Fabriken in Tangermünde 2000 Arbeiter (Angabe laut Wikipedia von 4500 ist definit verkehrt) beschäftigt.


Theodor Friedrich Meyer, genannt Theodor, wird am 3. November 1796 geboren und wächst als jüngstes von elf Kindern im Herzen von Tangermünde auf. Alle Geschwister tragen den Beinamen Friedrich beziehungsweise Friedericke – der Vater bewundert den Preußen-König Friedrich den Großen. Als Theodor vier Jahre alt ist, stirbt der Vater und hinterlässt seiner Familie das beträchtliche Vermögen von 60.000 Talern. Das Haus in der Kirchstraße 69 wird zunächst verkauft, kommt aber einige Jahre später wieder in den Besitz der Familie, als der älteste Sohn Karl es wieder erwirbt.
 
Gedenktafel am Brunnen direkt vor der Stephanskirche
Wie alles begann
Tangermünde im Dezember 1825, Theodor Meyer erwartet wichtigen Besuch. Der 29-jährige plant, in seinem Fachwerkhaus in der Kirchstraße 69 (heute 62) ein Zuckersiederei zu errichten. Der Bauantrag liegt beim Magistrat. Auch der Bürgermeister hat sich angekündigt um die Räumlichkeiten zu begutachten. In der Siederei wird Meyer über offenem Feuer hantieren und stark heizen. Das birgt hohe Gefahren eines Brandes. Darüber hinaus grenzt Meyers Haus direkt an das Rathaus.

Lange war die Herstellung von Zucker eine Art Geheimwissenschaft gewesen. Mittel und Verfahren, um den pastenartigen Rohzucker aus Zuckerrohr in festen, weißen Gebrauchszucker zu verwandeln, kannten nur wenige Auserwählte. Das Wissen wurde ausschließlich innerhalb der Zunft der Zuckersieder weitergegeben. Doch in der preußischen Provinz Sachsen, zu der auch Tangermünde gehört, gilt die Gewerbefreiheit. Und Kenntnisse über handwerkliche Verfahren, beispielsweise wie man Zuckerrohr zu Weißzucker veredelt, sind über Bücher zu erklären. Die „Kunst des Zuckersiedens“ von Louis Duhamel du Monceau aus dem Jahr 1765 beschreibt jeden einzelnen Arbeitsschritt in einer Siederei – vom Lösen und Läutern des Rohrzuckers über das Sieden, das Füllen und Umsetzen der Formen, das Abschaben und Glätten bis hin zum Entwickeln der Zuckerhüte. Theodor Meyer kennt die Hamburger Verfahren zur Herstellung von hochwertigem Weißzucker und will sie nun in seine Heimatstadt bringen. Doch vorher muss er Bürgermeister Johann Friedrich Gottlob Allendorf für seine Idee gewinnen. Zu dieser Zeit ist Tangermünde eine Kleinstadt mit 3600 Einwohnern, in der man sich kennt. Es klopft an der Tür. Meyer öffnet, seine Frau Albertine ist an seiner Seite. Der Bürgermeister begrüßt das Ehepaar freundlich und stellt seinen Begleiter vor. Carl Wilhelm Goedecke, königlich-preußischer Bauinspektor im Regierungsbezirk Magdeburg. Goedecke ist extra angereist, um im Auftrag der Stadt Tangermünde die geplante Zuckersiederei zu beurteilen. Seine Einschätzung ist maßgeblich dafür, ob die Zuckersiederei in Betrieb gehen darf. Der Bauinspektor wird später einen Bericht verfassen über erforderliche bauliche Schutzmaßnahmen. „In der Siedestube müssten starke Brandmauern bebaut, Rauchrohre und Schornsteine angebracht werden. Auch Wände und Decke der noch zu erbauenden Trockenstube müssten feuerfest sein. Dann sei wohl keine Gefahr zum Nachteil des Hauses selbst wie die Nachbarn und anderer zu befürchten.“ Der Bürger unterstützt die Pläne. Tangermünde kann wirtschaftlichen Aufschwung und Arbeitsplätze gut gebrauchen. Fabriken, welche ihr Geschäft im Großen betreiben, gibt es noch nicht. Die bedeutsamsten zu der Zeit sind mehrere kleinere Ölmühlen und eine Siebbodenfabrik. 1825, im Jahr der Planungen für die Zuckerproduktionen hat der Tangermünder Kaufmann Nethe bereits eine Schrotgießerei am Pulverturm eingerichtet. Baurat und Bürgermeister machen den Weg zur Gründung der ersten Zuckersiederei der Stadt frei. Jedoch brauchte Theodor Meyer Unterstützung. Der Handlungsgehilfe Adolph Oderich, der zuvor wohl im Meyerschen Handelsgeschäft gearbeitet hat und kaufmännisch ausgebildet ist, wird sein Geschäftspartner. Im Frühjahr 1826 richten die beiden im hinteren Teil des Hauses die Produktion ein. Sie bauen eine Trockenstube und rüsten die Siedestube mit Brandmauern und Rauchabzügen aus. Im Juni läuft die Zuckerproduktion.
Im ersten Geschäftsjahr produziert die Siederei in der Kirchstraße 69 insgesamt 2.000 Zentner weißen Zucker, 300 Zentner Kandis und 600 Zentner Sirup. Die Produktion der Tangermünder Siederei ist somit genauso erfolgreich wie Magdeburger und Hamburger Siedereien. Während große Raffinerien in Berlin bis zu hundert Mitarbeiter beschäftigen, sind es anfangs bei Meyer und Oderich stets 6 bis 8 Mitarbeiter. Ein erfahrener Siedemeister hat die Aufsicht über mehrere Pfannen- und Bodenknechte. 3 Jahre nach Gründung der Zuckersiederei trennen sich die Wege von Meyer und Geschäftspartner Oderich. Adolph Oderich gründet am 1. September 1829 eine eigene „Zuckerfabrique“. Meyer führt sein Unternehmen allein weiter. Kurz darauf berichtet der Tangermünder Magistrat, „am hiesigen Ort“ gebe es gleich zwei große Siedebetriebe, die ihre Produkte erfolgreich in die Städte der Altmark absetzen. Meyer beschäftigt in seinem Unternehmen den Handelsgehilfen Johann Joachim Julius Kreisel. In sorgfältiger Handschrift bescheinigt Meyer diesem für den Zeitraum von Ostern 1831 bis Ostern 1833 ein Arbeitszeugnis. Er habe sich in seiner „Handlung servirt“ und sich während dieser Zeit „treu, fleißig, unverdrossen sowie überhaupt zur völligen Zufriedenheit betragen“. Unterzeichnet wird dieses erste überlieferte Arbeitszeugnis mit „Fr. Meyers Sohn“ – ein Name, der bis heute Bestand hat. 1833 stirbt Meyers ehemaliger Geschäftspartner, sein Unternehmen wird aufgelöst.
 
Als die Räume der Kirchstraße 69 zu eng werden, erwirbt Theodor Meyer 1832 für 3.000 Taler die ehemalige Brauerei in der Kirchstraße 32 (heute 31). Vier Jahre später richtet er dort eine neue Zuckersiederei mit geräumigem Wohnhaus ein. Die neue Fabrik läuft erfolgreich und 1838 produziert Theodor Meyer bereits doppelt so viel wie in den Anfangsjahren.
 
Am 2. Oktober 1839 ertönt um 11 Uhr in der Nacht plötzlich die Sturmglocke in Tangermünde. Ein Nachbar der Siederei wird aus dem Schlaf gerissen. Die Zuckersiederei mit 1.500 Zentner fertigem Zucker stand in Flammen. Als der Wind um Mitternacht dreht, greifen die Flammen auf das Büro des Magistrats und das Wohnhaus des Bürgermeisters über. Erst am nächsten Tag sind die Flammen gelöscht. Die Zuckersiederei liegt in Flammen. Ein Teil der Maschinen konnten gerettet werden. Bereits sechs Tage nach dem Inferno beantragt Meyer beim Magistrat der Stadt den Wiederaufbau an derselben Stelle. Doch Meyer Nachbarn sind dagegen, viele Tangermünder Bürger verlangen den Wiederaufbau zu untersagen. Doch die Behörden stehen letztendlich hinter Theodor Meyer. Die Sicherheitsauflagen werden verschärft. Beim Wiederaufbau müssen Gewölbe, eiserne Türen und ein Brunnen angelegt werden. Es ist zu vermuten, dass auch die Ausstattung besser war als vor dem Brand. Denn die „neue“ Zuckersiederei kann 1840, ein Jahr nach dem Brand, die Menge des produzierten Zuckers in den folgenden Jahren deutlich steigern. Neben feiner Raffinade, Sirup und Kandis hat die Siederei nun auch den etwas günstigeren „zerstossenen Zucker“ im Programm.
Bis Ende der 1840-er Jahre veredelt Theodor Meyer ausschließlich Kolonialzucker. Doch die Ära des Zuckerrohrs geht zu Ende und im Gebiet des Deutschen Zollvereins beginnt der Ziegeszug des Rübenzuckers. Bereits 1747 war die Technik von dem Berliner Chemiker Andreas Sigismund Marggraf erfunden. Ihm war es gelungen „reinen wahren Zucker“ aus heimischen Rüben zu erzeugen. Konkurrenzfähig wurde der Rübenzucker allerdings erst, als der neu gegründete Deutsche Zollverein Schutzzölle auf Importzucker erhob. Meyer erkennt die Zeichen seiner Zeit. Er will auch weiterhin Kolonialzucker veredeln, darüber hinaus aber auch Rübenzucker. So beschließt er mit Rübenzuckerfabriken aus der Region zusammen zu arbeiten und beantragt am 19. August 1847 beim Magistrat „zwei Dampfkessel mit Hochdruckdampfmaschine von vier Pferdekraft“ aufzustellen. Kern dieser Erfindung war das Eindicken der kochenden Zuckerlösung im Vakuum bei 55 bis 59 Grad Celsius. Im Vergleich zum Sieden in Pfannen erhielt man so eine viel bessere kristrallisierbare Zuckermasse und sparte außerdem Zeit und Heizmaterial. Zur selben Zeit gibt es in Hamburg erst drei Dampfsiedereien. Wieder erheben die Nachbarn Einspruch. Die Lage der Zuckersiederei im Zentrum von Tangermünde wird zunehmend zum Problem. Abwasser, Rauch, Lärm, Hitze und Geruch belästigen das Umfeld. Zwei Jahre muss Meyer auf die Genehmigung warten. Dann darf er zunächst einen der beiden beantragten Dampfkessel aufbauen. Ab September 1849 verarbeitet die neue Dampfsiederei parallel Kolonial- und Rübenzucker. Nun kommen noch die Zuckersorten Farin (aus Sirup gewonnener Zucker geringerer Reinheit) und Melis (ebenfalls unvollständig gereinigter gelblicher Zucker) dazu. Wie weitsichtig Meyers Entscheidung ist, zeigen die folgenden vier Jahre. Sämtliche Siedereien die keinen Rübenzucker veredeln, müssen schließen. Am 25. April 1861 beschließt der Zollverein eine zu zahlende Rübensteuer für Zucker, der ins Ausland verkauft wird. Dies löst eine weitere Gründungswelle aus. Meyers Unternehmen wächst weiter. 1860 produziert die Siederei 8.600 Zentner Zucker im Wert von 126.000 Talern. In dieser Zeit spezialisiert sich Meyer auf Kandis, für den die höchsten Preise gezahlt werden. 1862 nimmt der zweite Heizkessel seinen Betrieb auf. Der Widerstand der Anwohner wächst. Theodor Meyer mag ahnen, dass eine Verlagerung des Unternehmens unausweichlich ist. Doch überlässt er die Entscheidung der nächsten Generation. Und so lässt der 69-jährige am 7. Juni 1865 verkünden, „dass ich mein unter der Firma Fr. Meyer’s Sohn seit 39 Jahren geführtes Zucker-Siederei-Geschäft meinen Söhnen Fr. Theodor und Fr. Hugo übergeben habe, welche dasselbe unter gleicher Firma fortführen werden.“  Die neuen Inhaber sind seine jüngsten Kinder und einzigen Söhne, 26 und 23 Jahre alt, mit dem väterlichen Betrieb aufgewachsen. Beide sind bereit, Verantwortung zu übernehmen und die Aufgaben im elterlichen Betrieb untereinander aufzuteilen.
Mit Übernahme des Unternehmens im Juni 1865 lassen die beiden Brüder die Zuckersiederei als offene Handelsgesellschaft „Fr. Meyer’s Sohn“ eintragen. Die Zuckersiederei auf dem neusten Stand der Technik, mit 22 Angestellten ist gut ausgelastet. Der Vater steht weiter unterstützend zur Seite.
 
Friedrich und Hugo erweitern ihre Zuckersiederei, kaufen 1869 ein weiteres benachbartes Gebäude in der Kirchstraße dazu und verdoppeln 1870 die Anzahl der Beschäftigen auf 40 Arbeiter. Die Arbeit in den heißen Siede- und Trockenstuben ist schwer. 14 Stunden an sechs Tagen in der Woche, manchmal auch sonntags. Für den Lohn von 20 Silbergroschen kann man kaum eine Familie ernähren. Im August 1872 lehnen sich die Arbeiter gegen die Bedingungen auf. Während bereits vielerorts ein Achtstundentag gefordert wird, verlangen die Arbeiter der Meyerschen Zuckersiederei eine Verkürzung von 14 auf 12 Stunden und eine Lohnerhöhung. Doch selbst als die Arbeiter mit Streik drohen, bleiben die Unternehmerbrüder unnachgiebig. Die Arbeiter sind auf den Lohn angewiesen und in Tangermünde ist schwer Arbeit zu finden. Und so verläuft der erste Streikversuch im Sande. 1884 stirbt der Unternehmensgründer im Alter von 88 Jahren.
Die Meyerschen Brüder leiten das Unternehmen nun 5 Jahre, als 1875 noch ein weiters Haus zur Vergrößerung dazu gekauft wird. Doch der Standort in der Innenstadt ist längst zu klein. Um weiter wachsen zu können, muss der Standort dringend verlegt werden. Am Elbufer lassen die Brüder Meyer zwei mehrstöckige dunkle Bachsteingebäude zur Zuckerherstellung errichten. 
 
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