Zuckermeyer - Tangermünde

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Zuckermeyer


Zucker-Meyer

Von der Zuckersiederei im Hinterzimmer im Herzen Tangermündes
 zur Unternehmensgruppe mit Niederlassungen in
 Europa, Amerika und Asien
Der Name „Zucker-Meyer“ ist jedem Tangermünder ein Inbegriff, welcher zur Zeit der Wiedervereinigung Deutschlands, mindestens 16 Jahre alt war. Meyer ist der Name dieser Industriefamilie mit Ursprung in Tangermünde, die unter anderem die Schokolade Feodora herstellte. 1939 waren in den drei Meyerschen Fabriken in Tangermünde mehr als 2000 Arbeiter (Angabe laut Wikipedia von 4500 ist nicht korrekt) beschäftigt.

Theodor Friedrich Meyer,
genannt Theodor, wird am 3. November 1796 geboren und wächst als jüngstes von elf Kindern im Herzen von Tangermünde auf. Alle Geschwister tragen den Beinamen Friedrich beziehungsweise Friedericke – der Vater bewundert den Preußen-König Friedrich den Großen. Als Theodor vier Jahre alt ist, stirbt der Vater und hinterlässt seiner Familie das beträchtliche Vermögen von 60.000 Talern. Das Haus in der Kirchstraße 69 wird zunächst verkauft, kommt aber einige Jahre später wieder in den Besitz der Familie, als der älteste Sohn Karl es wieder erwirbt.
 
Gedenktafel am Brunnen direkt vor St. Stephan


Wie alles begann:
Tangermünde im Dezember 1825: Theodor Meyer erwartet wichtigen Besuch. Der 29-jährige plant, in seinem Fachwerkhaus in der Kirchstraße 69 (heute 62) ein Zuckersiederei zu errichten. Der Bauantrag liegt beim Magistrat. Auch der Bürgermeister hat sich angekündigt um die Räumlichkeiten zu begutachten. In der Siederei wird Meyer über offenem Feuer hantieren und stark heizen. Das birgt hohe Gefahren eines Brandes. Darüber hinaus grenzt Meyers Haus direkt an das Rathaus.

Lange war die Herstellung von Zucker eine Art Geheimwissenschaft gewesen. Mittel und Verfahren, um den pastenartigen Rohzucker aus Zuckerrohr in festen, weißen Gebrauchszucker zu verwandeln, kannten nur wenige Auserwählte. Das Wissen wurde ausschließlich innerhalb der Zunft der Zuckersieder weitergegeben. Doch in der preußischen Provinz Sachsen, zu der auch Tangermünde gehört, gilt die Gewerbefreiheit. Und Kenntnisse über handwerkliche Verfahren, beispielsweise wie man Zuckerrohr zu Weißzucker veredelt, sind über Bücher zu erklären. Die „Kunst des Zuckersiedens“ von Louis Duhamel du Monceau aus dem Jahr 1765 beschreibt jeden einzelnen Arbeitsschritt in einer Siederei – vom Lösen und Läutern des Rohrzuckers über das Sieden, das Füllen und Umsetzen der Formen, das Abschaben und Glätten bis hin zum Entwickeln der Zuckerhüte. Theodor Meyer kennt die Hamburger Verfahren zur Herstellung von hochwertigem Weißzucker und will sie nun in seine Heimatstadt bringen. Doch vorher muss er Bürgermeister Johann Friedrich Gottlob Allendorf für seine Idee gewinnen. Zu dieser Zeit ist Tangermünde eine Kleinstadt mit 3600 Einwohnern, in der man sich kennt. Es klopft an der Tür. Meyer öffnet, seine Frau Albertine ist an seiner Seite. Der Bürgermeister begrüßt das Ehepaar freundlich und stellt seinen Begleiter vor. Carl Wilhelm Goedecke, königlich-preußischer Bauinspektor im Regierungsbezirk Magdeburg. Goedecke ist extra angereist, um im Auftrag der Stadt Tangermünde die geplante Zuckersiederei zu beurteilen. Seine Einschätzung ist maßgeblich dafür, ob die Zuckersiederei in Betrieb gehen darf. Der Bauinspektor wird später einen Bericht verfassen über erforderliche bauliche Schutzmaßnahmen. „In der Siedestube müssten starke Brandmauern bebaut, Rauchrohre und Schornsteine angebracht werden. Auch Wände und Decke der noch zu erbauenden Trockenstube müssten feuerfest sein. Dann sei wohl keine Gefahr zum Nachteil des Hauses selbst wie die Nachbarn und anderer zu befürchten.“ Der Bürger unterstützt die Pläne. Tangermünde kann wirtschaftlichen Aufschwung und Arbeitsplätze gut gebrauchen. Fabriken, welche ihr Geschäft im Großen betreiben, gibt es noch nicht. Die bedeutsamsten zu der Zeit sind mehrere kleinere Ölmühlen und eine Siebbodenfabrik. 1825, im Jahr der Planungen für die Zuckerproduktionen hat der Tangermünder Kaufmann Nethe bereits eine Schrotgießerei am Pulverturm eingerichtet. Baurat und Bürgermeister machen den Weg zur Gründung der ersten Zuckersiederei der Stadt frei. Jedoch brauchte Theodor Meyer Unterstützung. Der Handlungsgehilfe Adolph Oderich, der zuvor wohl im Meyerschen Handelsgeschäft gearbeitet hat und kaufmännisch ausgebildet ist, wird sein Geschäftspartner. Im Frühjahr 1826 richten die beiden im hinteren Teil des Hauses die Produktion ein. Sie bauen eine Trockenstube und rüsten die Siedestube mit Brandmauern und Rauchabzügen aus. Im Juni läuft die Zuckerproduktion.

Im ersten Geschäftsjahr produziert die Siederei in der Kirchstraße 69 insgesamt 2.000 Zentner weißen Zucker, 300 Zentner Kandis und 600 Zentner Sirup. Die Produktion der Tangermünder Siederei ist somit genauso erfolgreich wie Magdeburger und Hamburger Siedereien. Während große Raffinerien in Berlin bis zu hundert Mitarbeiter beschäftigen, sind es anfangs bei Meyer und Oderich stets 6 bis 8 Mitarbeiter. Ein erfahrener Siedemeister hat die Aufsicht über mehrere Pfannen- und Bodenknechte. 3 Jahre nach Gründung der Zuckersiederei trennen sich die Wege von Meyer und Geschäftspartner Oderich. Adolph Oderich gründet am 1. September 1829 eine eigene „Zuckerfabrique“. Meyer führt sein Unternehmen allein weiter. Kurz darauf berichtet der Tangermünder Magistrat, „am hiesigen Ort“ gebe es gleich zwei große Siedebetriebe, die ihre Produkte erfolgreich in die Städte der Altmark absetzen. Meyer beschäftigt in seinem Unternehmen den Handelsgehilfen Johann Joachim Julius Kreisel. In sorgfältiger Handschrift bescheinigt Meyer diesem für den Zeitraum von Ostern 1831 bis Ostern 1833 ein Arbeitszeugnis. Er habe sich in seiner „Handlung servirt“ und sich während dieser Zeit „treu, fleißig, unverdrossen sowie überhaupt zur völligen Zufriedenheit betragen“. Unterzeichnet wird dieses erste überlieferte Arbeitszeugnis mit „Fr. Meyers Sohn“ – ein Name, der bis heute Bestand hat. 1833 stirbt Meyers ehemaliger Geschäftspartner, sein Unternehmen wird aufgelöst.
Als die Räume der Kirchstraße 69 zu eng werden, erwirbt Theodor Meyer 1832 für 3.000 Taler die ehemalige Brauerei in der Kirchstraße 32 (heute 31). Vier Jahre später richtet er dort eine neue Zuckersiederei mit geräumigem Wohnhaus ein. Die neue Fabrik läuft erfolgreich und 1838 produziert Theodor Meyer bereits doppelt so viel wie in den Anfangsjahren. 
Zuckersiederei 1826, Kirchstraße 69


Stadtfabrik 1875, Kirchstraße 30 und 31


Am 2. Oktober 1839 ertönt um 11 Uhr in der Nacht plötzlich die Sturmglocke in Tangermünde. Ein Nachbar der Siederei wird aus dem Schlaf gerissen. Die Zuckersiederei mit 1.500 Zentner fertigem Zucker stand in Flammen. Als der Wind um Mitternacht dreht, greifen die Flammen auf das Büro des Magistrats und das Wohnhaus des Bürgermeisters über. Erst am nächsten Tag sind die Flammen gelöscht. Die Zuckersiederei liegt in Flammen. Ein Teil der Maschinen konnten gerettet werden. Bereits sechs Tage nach dem Inferno beantragt Meyer beim Magistrat der Stadt den Wiederaufbau an derselben Stelle. Doch Meyer Nachbarn sind dagegen und verlangen den Wiederaufbau zu untersagen. 127 Tangermünder Bürger legen energisch Widerspruch gegen den Aufbau der Zuckersiederei an gleicher Stelle. Doch die Behörden stehen letztendlich hinter Theodor Meyer. Die Sicherheitsauflagen werden verschärft. Beim Wiederaufbau müssen Gewölbe, eiserne Türen und ein Brunnen angelegt werden. Es ist zu vermuten, dass auch die Ausstattung besser war als vor dem Brand. Denn die „neue“ Zuckersiederei kann 1840, ein Jahr nach dem Brand, die Menge des produzierten Zuckers in den folgenden Jahren deutlich steigern. Neben feiner Raffinade, Sirup und Kandis hat die Siederei nun auch den etwas günstigeren „zerstossenen Zucker“ im Programm.
 
Bis Ende der 1840-er Jahre veredelt Theodor Meyer ausschließlich Kolonialzucker. Doch die Ära des Zuckerrohrs geht zu Ende und im Gebiet des Deutschen Zollvereins beginnt der Ziegeszug des Rübenzuckers. Bereits 1747 war die Technik von dem Berliner Chemiker Andreas Sigismund Marggraf erfunden. Ihm war es gelungen „reinen wahren Zucker“ aus heimischen Rüben zu erzeugen. Konkurrenzfähig wurde der Rübenzucker allerdings erst, als der neu gegründete Deutsche Zollverein Schutzzölle auf Importzucker erhob. Meyer erkennt die Zeichen seiner Zeit. Er will auch weiterhin Kolonialzucker veredeln, darüber hinaus aber auch Rübenzucker. So beschließt er mit Rübenzuckerfabriken aus der Region zusammen zu arbeiten und beantragt am 19. August 1847 beim Magistrat „zwei Dampfkessel mit Hochdruckdampfmaschine von vier Pferdekraft“ aufzustellen. Kern dieser Erfindung war das Eindicken der kochenden Zuckerlösung im Vakuum bei 55 bis 59 Grad Celsius. Im Vergleich zum Sieden in Pfannen erhielt man so eine viel bessere kristrallisierbare Zuckermasse und sparte außerdem Zeit und Heizmaterial. Zur selben Zeit gibt es in Hamburg erst drei Dampfsiedereien. Wieder erheben die Nachbarn Einspruch. Die Lage der Zuckersiederei im Zentrum von Tangermünde wird zunehmend zum Problem. Abwasser, Rauch, Lärm, Hitze und Geruch belästigen das Umfeld. Zwei Jahre muss Meyer auf die Genehmigung warten. Dann darf er zunächst einen der beiden beantragten Dampfkessel aufbauen. Ab September 1849 verarbeitet die neue Dampfsiederei parallel Kolonial- und Rübenzucker. Nun kommen noch die Zuckersorten Farin (aus Sirup gewonnener Zucker geringerer Reinheit) und Melis (ebenfalls unvollständig gereinigter gelblicher Zucker) dazu. Wie weitsichtig Meyers Entscheidung ist, zeigen die folgenden vier Jahre. Sämtliche Siedereien die keinen Rübenzucker veredeln, müssen schließen. Am 25. April 1861 beschließt der Zollverein eine zu zahlende Rübensteuer für Zucker, der ins Ausland verkauft wird. Dies löst eine weitere Gründungswelle aus. Meyers Unternehmen wächst weiter. 1860 produziert die Siederei 8.600 Zentner Zucker im Wert von 126.000 Talern. In dieser Zeit spezialisiert sich Meyer auf Kandis, für den die höchsten Preise gezahlt werden. 1862 nimmt der zweite Heizkessel seinen Betrieb auf. Der Widerstand der Anwohner wächst. Theodor Meyer mag ahnen, dass eine Verlagerung des Unternehmens unausweichlich ist. Doch überlässt er die Entscheidung der nächsten Generation. Und so lässt der 69-jährige am 7. Juni 1865 verkünden, „dass ich mein unter der Firma Fr. Meyer’s Sohn seit 39 Jahren geführtes Zucker-Siederei-Geschäft meinen Söhnen Fr. Theodor und Fr. Hugo übergeben habe, welche dasselbe unter gleicher Firma fortführen werden.“ Die neuen Inhaber sind seine jüngsten Kinder und einzigen Söhne, 26 und 23 Jahre alt, mit dem väterlichen Betrieb aufgewachsen. Beide sind bereit, Verantwortung zu übernehmen und die Aufgaben im elterlichen Betrieb untereinander aufzuteilen.

Friedrich Theodor Meyer,Gründer der Zuckerraffinerie


Urkunde über die Geschäfstübergabe 1865
Friedrich Theodor Meyer, der ätere Sohn des Gründers
Friedrich Hugo Meyer, der jünge der beiden Söhne des Unternehmensgründers

Mit Übernahme des Unternehmens im Juni 1865 lassen die beiden Brüder die Zuckersiederei als offene Handelsgesellschaft „Fr. Meyer’s Sohn“ eintragen. Die Zuckersiederei auf dem neusten Stand der Technik, mit 22 Angestellten ist gut ausgelastet. Der Vater steht weiter unterstützend zur Seite.

Friedrich und Hugo erweitern ihre Zuckersiederei, kaufen 1869 ein weiteres benachbartes Gebäude in der Kirchstraße dazu und verdoppeln 1870 die Anzahl der Beschäftigen auf 40 Arbeiter. Die Arbeit in den heißen Siede- und Trockenstuben ist schwer. 14 Stunden an sechs Tagen in der Woche, manchmal auch sonntags. Für den Lohn von 20 Silbergroschen kann man kaum eine Familie ernähren. Im August 1872 lehnen sich die Arbeiter gegen die Bedingungen auf. Während bereits vielerorts ein Achtstundentag gefordert wird, verlangen die Arbeiter der Meyerschen Zuckersiederei eine Verkürzung von 14 auf 12 Stunden und eine Lohnerhöhung. Doch selbst als die Arbeiter mit Streik drohen, bleiben die Unternehmerbrüder unnachgiebig. Die Arbeiter sind auf den Lohn angewiesen und in Tangermünde ist schwer Arbeit zu finden. Und so verläuft der erste Streikversuch im Sande.

Die Meyerschen Brüder leiten das Unternehmen nun 10 Jahre, als 1875 noch ein weiteres Haus zur Vergrößerung dazu gekauft wird. Doch der Standort in der Innenstadt ist längst zu klein. Um weiter wachsen zu können, muss der Standort dringend verlegt werden. Friedrich und Hugo Meyer ergreifen noch im selben Jahr die Chance und kaufen die am Elbufer befindliche stillgelegte Kartoffelstärkefabrik des holländischen Großunternehmers Wilhelm Albert Scholten ab. Scholten hatte die Fabrik 1870 errichten lassen, sich aber schon bald auf Standorte in Holland, Österreich und Russland konzentriert. Am Elbufer gelegen bietet sich den Brüdern Meyer auf 30.000 Quadratmetern mit 4 Fabrikgebäuden und eigenem Kesselhaus eine gute Möglichkeit einer moderneren Zuckerrraffinerie. Sie lassen zwei mehrstöckige dunkle Bachsteingebäude zur Zuckerherstellung errichten. Beschäftigten die Meyers 1875 noch 45 Menschen, sind es 1880 bereits mehr als 250. Die hohe Belegschaft und Mangel an Fachleuten erweisen sich in den folgenden Jahren als schwere finanzielle Belastung. Die Produktion kommt nicht so recht in Gang und die Fabrik schreibt Verluste, weil nicht einmal die Betriebs- und Personalkosten gedeckt werden. 1880 endlich wendet sich das Blatt und die Siederei produziert 233.000 Zentner Rohrzucker. Die Anfangsschwierigkeiten scheinen überwunden, als am Himmelfahrtstag 1881 das Schicksal erneut zuschlägt und ein verheerendes Feuer ausbricht. Ein Gebäude brennt vollständig ab. Doch jede Krise ist zugleich Chance für einen Neubeginn und so wird nach Verlagerung der Produktion in das intakte Gebäude darüber hinaus ein kleines Gaswerk errichtet. In sämtlichen Gebäuden wird die Ölbeleuchtung durch Gaslampen ersetzt, was wiederum weniger Feuergefahr birgt. Zudem formiert sich am 21. Dezember 1885 eine eigene Feuerwehr, bestehend aus 44 Mitarbeitern. Diese Wehr hatte die Aufgabe, das Werk vor Feuersgefahr zu schützen, und bei Bränden in Tangermünde und Umgebung helfend einzugreifen. 1884, ein Jahr zuvor, stirbt der Unternehmensgründer im Alter von 88 Jahren.
Die Meyers kaufen Wilhelm Albert Scholten die am weslichen Elbufer gelegene Kartoffelstärkefabribrik  ab und errichten ab 1975 die Zuckerfabrik
Alle Anfangsschwierigkeiten am neuen Standort scheinen überwunden und die Meyersche Zuckerraffinerie nimmt einen rasanten Aufschwung, der wesentlich mi dem Export der Produkte nach England zu tun hat. Den Transport nach England organisieren anfangs englische und holländische Agenten. Für den Sprung ins Industriezeitalter fehlt Tangermünde allerdings eine Eisenbahnanbindung. Friedrich und Hugo Meyer beschließen zusammen mit dem Magistrat der Stadt selbst für die Anbindung an das Schienennetz zu sorgen. Am 5. November 1884 gründen sie die Stendal-Tangermünder Eisenbahngesellschaft. Mit einem Kapital von 800.000 Mark, hält die Raffinerie rund 40 Prozent der Stammaktien. Innerhalb eines Jahres entsteht die 10 Kilometer lange Strecke zwischen Tangermünde und Stendal. Die Eisenbahn wir ein wichtiger Motor für Tangermünde. Nebengleise zweigen direkt ab zur Raffinerie und Stadthafen. Die Aktiengesellschaft wirft bereits in den ersten Jahren zuverlässige hohe Dividende ab, die die Unternehmer einsetzen, um Menschen in Notlagen zu unterstützen. 1890 schenken sie der Stadt Tangermünde erstmals Bahnaktien im Wert von 100.000 Mark mit der Auflage, die Zinsen für die Unterstützung von Armen und andere soziale Projekte zu verwenden. Die Meyers investieren außerdem in ein weiteres Transportunternehmen. Sie beteiligen sich an der Dampfschifffahrtsgesellschaft Lynn & Hamburg Steamchip Company die ihr eigener Cousin 1888 mit 3 weiteren Teilhabern mitbegründet hat. Mit den Exporten steigen die Umsätze rasant. 1890 werden 1.400.000 Zentner Rohrzucker verarbeitet, die Belegschaft steigt auf 800 Personen. Um die steigende Nachfrage nach praktisch portionierten Zuckerwürfeln stillen zu können, richten Meyers eine neue Anlage zur Produktion von Würfelzucker ein. Sie entscheiden sich Mitte der 1890-er Jahre für das leistungsstarke Gusswürfelverfahren nach Adant, das sich, so ein zeitgenössischer Experte, „wie kein anderes zur Massenfabrikation“ eignet. Die Tangermünder Zuckersiederei produziert nun gemahlenen Zucker, Kristallzucker, Granulat – einen weißen feinkörnigen Zucker, der wegen seiner guten Löslichkeit vor allem in England sehr beliebt ist, sowie Farin und Sirup. Proben sämtlicher Produkte gehen nach Magdeburg in ein Labor zur Überprüfung und Klassifizierung. Die Produktpalette und große Mengen in jeder gewünschten Form in bester Qualität werden von Jahr zu Jahr größer. Der Familienname ist längst Markenname geworden und der Firmenname „Fr. Meyers Sohn“ im In- und Ausland gekannt.

Fabrikansicht 1890 elbseitig

Innerhalb von dreißig Jahren haben Friedrich und Hugo Meyer aus dem kleinen Familienbetrieb ihres Vaters mit 22 Mitarbeitern ein großindustrielles Unternehmen gemacht, in dem 1895 fast 1600 Menschen arbeiten. Die Zuckerraffinerie, ein Betrieb mit Hierarchien, prägt das Leben der Stadt Tangermünde. Ein Betriebsdirektor ist verantwortlich für den kaufmännischen Bereich, ein Betriebsingenieur für den technischen. Vier Betriebsinspektoren, zwei Maschinenmeister, ein Elektrotechniker, drei zusätzliche Techniker, sowie 26 Aufseher sorgen für reibungslose Produktionsabläufe. Im Kontor arbeiten 26 Beamte. Zu ihren Aufgaben gehört neben anderen das Einkaufen von Rohzucker und Rechnungen stellen. Allein in den Packsälen arbeiten 250 Menschen. Unter ihnen befinden sich auch Jungen und Mädchen im Alter von 14 – 16 Jahren, die täglich eine Stunde weniger als die Erwachsenen arbeiten. Die Stellung der einfachen Fabrikarbeiter ist ständig bedroht. Wenn die Produktion in der Zuckerraffinerie jedes Jahr im Herbst während der Rübenernte ruht, weil die Rohzuckervorräte aufgebraucht sind und Reparaturen anstehen, werden hunderte Arbeiter entlassen. Sie erhalten dann kein Geld und werden meist nach der Pause wiedereingestellt. Eine Sicherheit gibt es aber nicht.

Zu Saisonende mit Erhalt der Kündigung gehen viele Arbeiter zurück in ihre Heimat nach Polen beziehungsweise den damaligen preußischen Provinzen West- und Ostpreußen. Dort angeworbenen Saisonkräften wird die „Reise“ nach Tangermünde bezahlt. Saisonkräfte und alleinstehende Arbeiter können in Kasernen und Gemeinschaftsunterkünften wohnen, die Friedrich und Hugo Meyer ab 1892 bauen lassen. Vier bis acht Personen teilen sich ein Zimmer. Für 50 Pfennig pro Tag bekommen sie ab Anfang des 20. Jahrhunderts zum Schlafplatz noch zusätzlich: morgens Kaffee mit Semmel, Mittagbrot, Nachmittag Kaffee und Abendbrot und alle acht Tage können sie das Waschhaus benutzen. Bereits ab 1885 sind alle Beschäftigten in der Betriebskrankenkasse versichert. Pro verdiente Marken müssen die Versicherten zwei Pfennig an die Kasse abführen. 1893 betreibt die „Hülfskasse Meyersche Fabrikarbeiter ein eigenes Krankenhaus mit 36 Betten und Operationszimmer. Die Meyer sind bemüht um gute Arbeiter und werben mit Gesten wie kostenlosem Kaffee. Familien bei denen Mutter und Vater in der Fabrik arbeiten können ab 1895 zur Betreuung ihre Kinder das betriebseigene Kinderheim in Anspruch nehmen. Das zweistöckige Gebäude mit großer Veranda und Spielgarten ist auf halbem Weg zwischen Raffinerie und Innenstadt gelegen. Betreut werden bis zu 100 Kinder. Für die Fabrikarbeiter ist das Angebot kostenlos. Andere Tangermünder Familien können es kostenpflichtig nutzen. Das enorm gewachsene Unternehmen prägt das Leben der Stadt: mit den sozialen Einrichtungen wie Krankenhaus und Kinderheim und dem Fabrikkraftwerk, welches mittlerweile die gesamte Stadt mit Strom versorgt.

Die umstrittenen Gesetze Bismarks, welche unter anderem Versammlungen und Publikationen verboten hatten, werden nach dessen Ablösung 1890 nicht verlängert, sodass sich neue Möglichkeiten für Arbeiterbewegungen und Zusammenschlüsse eröffneten. Auch in Tangermünde wird 1890 der „Allgemeine Arbeiter-Verein für Tangermünde und Umgebung“ gegründet, dem 200 Mitglieder angehören. Dieser wird jedoch bereits ein Jahr später aufgelöst – vermutlich auf Druck von Friedrich und Hugo Meyer, die den Unruhestiftern mit Entlassung drohen. Vorerst kehrt Ruhe ein. Doch die Industrialisierung wächst. Um Magdeburg herum entsteht die „Zuckerprovinz Sachsen“. Während die Zuckerraffinerie Tangermünde durch Exporte bis Japan und Indien hohe Gewinne erzielt, sind die Löhne seit Jahren nicht gestiegen. Zu dieser Zeit wird täglich noch immer 11 Stunden gearbeitet – Bedingungen die dafür sorgen, dass es immer mehr brodelt. Am 11. März 1897 legen 932 Männer und Frauen die Arbeit nieder und fordern höhere Löhne und kürzere Arbeitszeit. Die Maschinen stehen still und zwingen die Brüder zum Verhandeln. Schnell kommt es zu einer Einigung. Die Löhne steigen um zehn Prozent, die Arbeitszeit pro Schicht wird auf zehn Stunden herabgesetzt. Doch die Unternehmer-Brüder sind gekränkt und so steht im Jahresbericht: „Eine Handvoll Leute, welche sich bei der Inscenierung des Aufstandes hervorgetan hatten, wurden nicht wieder angenommen, sondern definitiv entlassen. Die Arbeiter gehen selbstbewusst aus der Auseinandersetzung heraus. Ein Jahr später vernehmen Friedrich und Hugo Meyer, dass in Ihrer Fabrik gesammelt wird für einen weiteren Streik.

Um weitere Auseinandersetzungen zu vermeiden suchen die Meyers nach Möglichkeiten um die Belegschaft enger an sich zu binden. Ziel soll es werden einen festen Angestelltenstamm zu bilden mit strebsamen Arbeitern. Noch 1897 wird begonnen in Fabriknähe moderne Arbeiterwohnungen zu bauen. Im Gegensatz zu den „Kasernen“ bieten die Wohnungen der „Kolonie“ (heute Friedensstraße) geräumige Wohnstube, Schlafkammer, Küche, Toilette und einen Stall für eine Ziege und ein Schwein. Zwei Wohnungen teilen sich eine Waschküche. 22 Doppelhäuser und ein Dreifamilienhaus bieten 90 Familien mit etwa 500 Personen zu Anfang des 20. Jahrhunderts ein komfortables Heim. Bei gleichzeitig steigendem Lohn bringen es viele Fabrikmitarbeiter mit ihren Familien zu bescheidenem Wohlstand.

Arbeiterkolonie (heutige Friedensstraße)
Beamtenwohnhäuser (heutige Tannenstraße)


Die Söhne der Raffinerieinhaber sind erwachsen und gehen eigene berufliche Wege, aber allerdings ebenfalls in der Zuckerbranche. Friedrichs ältester Sohn Conrad ist Direktor der großen baltischen Zuckerraffinerie in Danzig-Neufahrwasser, an der die Meyer wohl auch eine Beteiligung halten. Sein Bruder Friedrich beendet 1894 sein Studium in Heidelberg als Doktor der Chemie und spezialisiert sich auf chemische Zuckerproduktion. Hugos ältester Sohn Ernst interessiert sich weniger für die von Zucker. Ernst Meyer kennt die Hafenanlage und hat gesehen wie in den großen Lagerhallen am Tangermünder Hafen täglich die großen Elbschiffe mit großen Mengen Zucker beladen werden. Um den Zuckerhandel von der Pike auf zu lernen geht Ernst nach Hamburg und volontiert im Handelshaus von Gustav Meyer und Co, welches zu dieser Zeit die Zuckerexporte der Brüder Meyer mittels Dampfschifffahrt nach England abwickelt. Ernst Meyer lernt Unternehmer, Agenten und Handelshäuser kennen. Im noblen Dovenhof, dem ersten Geschäftshaus Hamburgs, trifft sich was Rang und Namen hat. Jeden Morgen fährt Ernst mit dem ersten Paternoster des Kontinents in das Büro von Gustav Meyer. Am 15. September 1897 lässt Ernst Meyer auf dem Amtsgericht Hamburg die Firma „Fr. Meyer’s Sohn“ eintragen. Er wählt bewusst den Namen der mittlerweile weltweit bekannten Tangermünder Raffinerie. Das Transportunternehmen bleibt eng mit der Zuckerraffinerie Tangermünde verbunden. Das Speditionsunternehmen „Fr. Meyer's Sohn“ ist heute spezialisiert auf Massengüter für Seefracht-, Luftfracht- und LKW-Verladungen und gehört zu den Top 10 weltweit. Währen sich die Spedition Fr. Meyer Sohn im Geschäft etabliert, stellt sich in Tangermünde unerwartet die Nachfolgefrage. Friedrich, der ältere der Meyer-Brüder stirbt 1900 im Alter von 64 Jahren. Nach 35 Jahren endet die äußerst erfolgreiche Ära der Unternehmer-Brüder. Der Senior bleibt zunächst noch alleiniger Eigentümer, betraut aber seinen Sohn Herrmann sowie Friedrichs Sohn Dr. Friedrich als Prokuristen mit Führungsaufgaben. Aus beiden Familienzweigen sind es also die zweitgeborenen Söhne, welche die Verantwortung des Familienunternehmen tragen – während die älteren Söhne zwar in der Zuckerbrache aktiv sind, aber in Danzig und Hamburg eigene Wege gehen. 
Rohzuckerverladung am Hafen

Verladerampe an der Elbe
Die beiden Cousins Dr. Friedrich Meyer, 30 Jahre alt, promovierter Chemiker und Herrmann Meyer, 32 Jahre alt, Prokurist und Gesellschafter übernehmen 1900 die Leitung der Zuckerraffinerie. Entsprechend ergänzen sie sich und teilen sich die Leitung des Unternehmens. Während Dr. Friedrich Meyer die technische Leitung übernimmt, ist Hermann Meyer für die kaufmännische verantwortlich. Dennoch trifft Hugo Meyer als Senior im Unternehmen weiterhin wichtige Entscheidungen. Die drei Gesellschafter stützen sich auf gut ausgebildete und erfahrene Beamte unter der Leitung des Fabrikdirektors Carl Hublitz. Fr. Meyers Sohn ist 1900 eine der größten Zuckerraffinerien Europas, die Jahr für Jahr 2.5 Millionen Zentner Rohzucker zu gemahlenem Zucker, Farin, Sirup, Kristallzucker, Garnulat und Kandis verarbeitet.

Mehrere Zuckerkonferenzen verlangen die Abschaffung der Subventionen, die vor allem der Rohrzuckerindustrie in den englischen Kolonien schadet. Erst als auch in Deutschland Stimmen laut werden für die Abschaffung der Prämien kommt die wirtschaftspolitische Wende. Am 5. März 1902 kommt es zur Unterzeichnung der Brüsseler Zuckerkonvention, die Deutschland und sieben weitere Länder verpflichtet, alle direkten und indirekten Exportprämien umgehend abzuschaffen. Auch Einfuhrzölle werden stark beschränkt. Mit dem steigendem Zuckerkonsum verbreiten sich Süßspeisen aller Art – vom Brotaufstrich über Limonaden bis zu Schokoladen und Keksen. Hermann Meyer, der ehrgeizige kaufmännische Leiter der Tangermünder Zuckerraffinerie hat eine Idee: Neben Zucker will er in Tangermünde künftig Fruchtkonserven, Marmeladen und Schokolade herstellen lassen und so einen Teil des in der Zuckerraffinerie gefertigtem Zucker direkt vor Ort verarbeiten. Am 22. August 1902 stellen die Unternehmer Meyer den Antrag, auf dem Grundstück neben der Arbeiterkolonie eine Fruchtkonserven und Marmeladenfabrik zu errichten. Wie nicht anders zu erwarten stimmt die Stadt dem Vorhaben zu, verpflichtet aber die Unternehmer, auf eigene Kosten drei Straßen samt „Trottoir und Pflaster“ anzulegen und die Fabrikabwässer zu reinigen, „bevor diese in die Gräben der Flüsse gelangen“. Bereits im März 1903 beginnt der Probebetrieb der neuen Fabrik. Makellose Früchte werden gewaschen, blanchiert, mit Zucker haltbar gemacht und als Obstkonserven eingelegt. Die meisten Früchte stammen aus eigener Produktion. Nördlich der Fabrik entstehen große Plantagen mit Mirabellen, Zwetschgen, Sauerkirschen, Erdbeeren, Johannisbeeren, Preiselbeeren und Himbeeren.  Dreiviertel der Bevölkerung gehören zum Arbeiterstand und um die Fabrik herum ist ein ganzer Stadtteil entstanden. 1904 ist die einstige Lücke zwischen Altstadt und Fabrik durch Wohnhäuser für Arbeiter und Beamte, sowie Kinderheim fast geschlossen. Als die ersten Konserven und Marmeladen aus Tangermünde ausgeliefert werden, laufen bereits die Vorbereitungen zum Aufbau einer weiteren Fabrik, in der künftig Schokolade produziert werden soll. Das Gebäude an der Ulrichsstraße unweit der Konservenfabrik wird rasch hochgezogen und bereits am 1. Juli 1904 verkündet Gebhard Thiele die Eröffnung der Tangermünder Schokoladenfabrik GmbH. Thiele war schon vorher Geschäftsfreund der Meyers. Er wird Leiter der Schokoladenfabrik und ist zu einem Drittel an der Unternehmung beteiligt. 

Die Kakaobohnen aus Übersee kommen in Säcken und gelangen über Hamburg und Elbe in die neue Fabrik. Dort werden sie gereinigt, geröstet, von ihren Schalen befreit, dann gemahlen und zu einer flüssigen Kakaomasse gerührt. Nach Zugabe von Milch, Zucker, Sahne und Kakaobutter entsteht daraus Schokolade. Die Entwicklung der edlen Schokoladen betreibt Hermann Meyer selbst und folgt dabei einer klaren Vorstellung. Sie soll schmecken wie die besten Schweizer Schokoladen und den Gaumen mit zartem Schmelz verwöhnen. Dazu schafft er sogenannte Conches an, die die Kakaomasse über Tage hinweg unaufhörlich rühren, um der Schokolade ein besonderes Aroma und eine weiche Konsistenz zu verleihen eine Technik -  die der Schweizer Schokoladenfabrikant Rudolf Lindt schon 1879 erfunden hat. Hermann Meyer holt sogar einen Schweizer Fachmann nach Tangermünde. Das eigentliche Geheimnis für den zarten Schmelz entdeckt er jedoch beim Experimentieren selbst. 

Fabrikansicht um 1910

Die gewählte Lage der Zuckerraffinerie Tangermünde direkt an der Elbe bietet beste Voraussetzungen Kolonialzucker aus Übersee zu beziehen. Im 20. Jahrhundert sind es die Enkel des Firmengründers Theodor Friedrich Meyers, die Kakaobohnen aus Südamerika und Afrika anliefern lassen. Die Produktion der neuen Fabrik läuft sehr gut an. Schon im ersten Jahr beantragt die Schokoladenfabrik die Erlaubnis, ausnahmsweise auch am Sonntag produzieren zu dürfen. Außerdem werden auch Jugendliche zwischen 14 und 16 Jahren beschäftigt.
Die Fertigung von Marmeladen ist im Deutschen Reich im Gegensatz zu Schokolade wenig verbreitet. In England werden bereits seit Jahrzehnten die besten Marmeladen der Welt produziert. Um sich dieses Know-how nach Tangermünde zu holen, geht Hermann Meyer einen Vertrag ein mit dem weltweit führenden Hersteller James Keiller und Son, der im schottischen Dundee bereits seit 1797 exklusive Orangenmarmeladen und Fruchtjams produziert. 1906 wird aus der Konservenfabrik Tangermünde GmbH die James Keiller und Son Germany Ltd. Die Verbindung hat für beide Seiten enorme Vorteile. Die Meyers stellen die Rohstoffe, Fabrik und Arbeitskräfte zur Verfügung und bringen gleichzeitig die schottische Marmelade auf den deutschen Markt. James Keiller und Son wiederum liefert Rezepte und Verfahren, sowie einen klangvollen Namen. Die beiden neuen Fabriken werden 1906 durch Hugo, Dr. Friedrich und Hermann Meyer in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Zwei Drittel gehören Senior Hugo Meyer, den Rest teilen sich Dr. Friedrich und Hermann Meyer sowie, mit einer geringeren Stückzahl -Fabrikdirektor Carl Hublitz und Prokurist Arnold Schütze. Der Senior zieht sich aus dem operativen Geschäft zurück und wird Vorsitzender des Aufsichtsrates.

Dr. Friedrich Meyer
Direktor Hermann Meyer

Die Schokoladenfabrik bringt in den Jahren 1904 und 1905 die ersten Schokoladen und Kakaosorten mit den Namen „Falter“, „Lorenza“ und „Frisia“ auf den Markt. Die Marke Falter läuft sehr gut, die anderen beiden werden wieder aus dem Programm genommen. Die Entwicklung edler Schokoladen betreibt Hermann Meyer selbst. Doch alle Versuche der Schokolade den zarten Lindt-Charakter der Schweizer Schokoladenhersteller zu verleihen, scheitern. Das Geheimnis der Schweizer liegt im besonderen Aroma mit weicher Konsistenz. Ein wilder Handel mit Lindt-Rezepten blüht. Hermann Meyer erwirbt ein solches „Originalrezept“ und findet den Fehler: darin, dass wir die Ware nicht vor Überhitzung bewahrt haben. Unter „scharfer Überwachung“ kann nun die gewünschte edle Schokolade mit Schmelz in Tangermünde gefertigt werden. Geschmack und Konsistenz stimmen. Ein Name für die Edelschokolade fehlt noch. In dieser Situation erreicht Tangermünde die Nachricht vom Tod der Prinzessin Feodora, Prinzessin zu Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg. Die jüngste Schwester der deutschen Kaiserin Auguste Viktoria ist im Alter von nur 36 Jahren vermutlich an den Spätfolgen einer Typhuserkrankung gestorben. Feodora war eine talentierte Frau die in Künstlerkreisen verkehrte und viel malte. Anfang des 20. Jahrhunderts liebte diese auf einem  Gut in Bornstedt, welches sie zu einem Zentrum des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens gemacht hatte. Else, eine Schwester von Hermann Meyer, lernte gemeinsam mit ihrem Mann Johannes Simon die Prinzessin auf dem Gut kennen. Johannes Simon gehörte zu ihrem literarischen Zirkel. Diese Verbindung seiner Familie zum Kaiserhaus will Hermann Meyer für seine Schokolade nutzen. Er bittet am Hofe um Erlaubnis die neue Schokolade „Feodora“ nennen zu dürfen. Das Kaiserhaus ist einverstanden – unter der Bedingung, dass Kaiserin Auguste Viktoria die Verpackung mitgestalten darf. Der goldene Feodora-Schriftzug verbunden mit dem Wappen der Herzöge zu Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg und den beiden gekreuzten Buchstaben F sowie das Gelb als Markenfarbe habe die Kaiserin „nach verschiedenen Entwürfen selbst ausgesucht“, berichtet die Nichte von Hermann Meyer. Die Feodora-Schokolade nach Schweizer Vorbild bewerben die Meyers als „vornehmste deutsche Marke“. Im Kaiserreich ist eine Verbindung zum Königshaus an Prestige nicht zu überbieten. So nimmt 1910 eine erfolgreiche Markengeschichte ihren Anfang, die bis in die Gegenwart reicht. 1910 arbeiten allein in der Zuckerraffinerie rund 1700 Arbeiter. Viele Arbeiter wohnen in Gebäuden, die durch die Unternehmerfamilie Meyer errichtet und in den Jahren bis zum Ersten Weltkrieg fortlaufend erweitert worden sind.Die Schokoladenfabrik bringt in den Jahren 1904 und 1905 die ersten Schokoladen und Kakaosorten mit den Namen „Falter“, „Lorenza“ und „Frisia“ auf den Markt. Die Marke Falter läuft sehr gut, die anderen beiden werden wieder aus dem Programm genommen. Die Entwicklung edler Schokoladen betreibt Hermann Meyer selbst. Doch alle Versuche der Schokolade den zarten Lindt-Charakter der Schweizer Schokoladenhersteller zu verleihen, scheitern. Das Geheimnis der Schweizer liegt im besonderen Aroma mit weicher Konsistenz. Ein wilder Handel mit Lindt-Rezepten blüht. Hermann Meyer erwirbt ein solches „Originalrezept“ und findet den Fehler: darin, dass wir die Ware nicht vor Überhitzung bewahrt haben. Unter „scharfer Überwachung“ kann nun die gewünschte edle Schokolade mit Schmelz in Tangermünde gefertigt werden. Geschmack und Konsistenz stimmen. Ein Name für die Edelschokolade fehlt noch. In dieser Situation erreicht Tangermünde die Nachricht vom Tod der Prinzessin Feodora, Prinzessin zu Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg. Die jüngste Schwester der deutschen Kaiserin Auguste Viktoria ist im Alter von nur 36 Jahren vermutlich an den Spätfolgen einer Typhuserkrankung gestorben. Feodora war eine talentierte Frau die in Künstlerkreisen verkehrte und viel malte. Anfang des 20. Jahrhunderts liebte diese auf einem  Gut in Bornstedt, welches sie zu einem Zentrum des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens gemacht hatte. Else, eine Schwester von Hermann Meyer, lernte gemeinsam mit ihrem Mann Johannes Simon die Prinzessin auf dem Gut kennen. Johannes Simon gehörte zu ihrem literarischen Zirkel. Diese Verbindung seiner Familie zum Kaiserhaus will Hermann Meyer für seine Schokolade nutzen. Er bittet am Hofe um Erlaubnis die neue Schokolade „Feodora“ nennen zu dürfen. Das Kaiserhaus ist einverstanden – unter der Bedingung, dass Kaiserin Auguste Viktoria die Verpackung mitgestalten darf. Der goldene Feodora-Schriftzug verbunden mit dem Wappen der Herzöge zu Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg und den beiden gekreuzten Buchstaben F sowie das Gelb als Markenfarbe habe die Kaiserin „nach verschiedenen Entwürfen selbst ausgesucht“, berichtet die Nichte von Hermann Meyer.


Die Feodora-Schokolade nach Schweizer Vorbild bewerben die Meyers als „vornehmste deutsche Marke“. Im Kaiserreich ist eine Verbindung zum Königshaus an Prestige nicht zu überbieten. So nimmt 1910 eine erfolgreiche Markengeschichte ihren Anfang, die bis in die Gegenwart reicht. 1910 arbeiten allein in der Zuckerraffinerie rund 1700 Arbeiter. Viele Arbeiter wohnen in Gebäuden, die durch die Unternehmerfamilie Meyer errichtet und in den Jahren bis zum Ersten Weltkrieg fortlaufend erweitert worden sind.
Die Zuckerraffinerie Tangermünde mit ihren 3 Sparten steht im Sommer 1914 auf dem Höhepunkt ihrer Entwicklung, als sich nach dem Attentat von Sarajevo die Ereignisse in Europa überschlagen. Der Erste Weltkrieg lässt das Unternehmen wirtschaftlich einbrechen, denn das große Geschäft mit Export des Zuckers kam fast vollständig zum Erliegen. Der im Krieg einsetzende Mangel an fetthaltiger Nahrung steigert die Nachfrage nach fetthaltigen Brotaufstrichen, sodass die Produktion von Konsum-Marmelade einen rasanten Aufschwung nimmt. Zuckermeyer steht ab 1916 unter staatlicher Zwangsbewirtschaftung und die Marmeladenproduktion sprengt den Rahmen von einer auf sieben Millionen Zentner. Friedrich Meyer meldet sich bereits zu Kriegsbeginn, wie viele Männer freiwillig und zieht am 10. September 1914 mit dem Infanterie Regiment Nummer 27 an die Front und wird am 2. Oktober schwer verletzt. Im März 1915 wird er zu seinem Ersatzbataillon abkommandiert und dient ab Mai 1916 in der Militärverwaltung in Litauen. Im Herbst 1917 kehrt er in sein Unternehmen nach Tangermünde zurück. 1914 beenden Meyers die Zusammenarbeit mit James Keillers und Son und gründen die Tangermünder Konservenfabrik GmbH, die zu hundert Prozent der Zuckerraffinerie Tangermünde AG gehört.

Zum Kriegsende machte sich durch die fortschreitende Inflation auch ein Mangel an Geldgroßscheinen bemerkbar, sodass Kommunen und Betrieben die Erlaubnis zum Drucken von Geldscheinen erteilt wurde. Die Zuckerraffinerie Tangermünde brachte Geldscheine im Wert von 5 und 20 Mark heraus. 1923, als die Inflation ihren Höhepunkt erreichte wurden durch den rasanten Geldverfall immer neue Geldscheine gedruckt, deren Gültigkeit beschränkt war. So kam es, dass Inflationsgeldscheine mit Ausgabedatum vom 28. Oktober 1923 einen Wert von 100 Milliarden darstellten. 


Aber nicht allein Krieg und Inflation machten dem angeschlagenen Unternehmen in den 20-er Jahren zu schaffen. Im März 1921 erreicht Tangermünde die schockierende Nachricht vom überraschenden Selbstmord von Direktor Hermann Meyer in Ägypten. Zwei angeheiratete Familienmitglieder rücken jetzt in der Unternehmensführung auf. Carl Happach wird zum zweiten Direktor im Vorstand. Dr. Ewald Gast, der Schwiegersohn von Johannes Simon, wird Geschäftsführer der Konserven- und Schokoladenfabriken Fr. Meyer & Co.



Carl Happach, wird 1921 zweiter Direktor


Am 6. April 1921 bricht erneut ein Großfeuer in der Zuckerfabrik aus. Ausgelöst, vermutlich durch das Entzünden von Zuckerstaub in einer der Mehlismühlen, brannte dieser Betriebsteil C vollständig aus. Ein Übergreifen auf Teil D (Produktion von Würfelzucker) konnte trotz größter Anstrengungen nicht verhindert werden. Der Gesamtschaden wurde damals auf 50 Millionen Mark geschätzt. Auf dem Höhepunkt der Währungsturbulenzen nimmt die neue Zuckerraffinerie im Herbst 1923 ihren Betrieb auf. Die errichteten Gebäude erstrahlen fast alle in weiß, als im Dezember erneut ein Gebäude bis auf die Grundmauern niederbrennt. Diesmal gelingt es ein Übergreifen auf andere Gebäude zu verhindern. Als Grund wird ein Defekt an einem Elektromotor vermutet. 1926, zum 100-jährigem Bestehen, sieht sich die Zuckerraffinerie Tangermünde selbst „jung, gesund und prächtig“ und gibt eine 80-Seitige auf Japanbüttenpapier mit Bildern hochwertig gestaltet Denkschrift heraus, die nur einem ausgewählten Personenkreis übergeben wird. Die Konserven- und Marmeladenfabrik Tangermünde KG wird Teil der Zuckerraffinerie Friedrich Meyers Sohn AG. Dadurch erhöht sich das Kapital von 5 auf 11,6 Millionen Reichsmark. Generaldirektor und Vorstandsvorsitzender wird Dr. Friedrich Meyer. Damit ist er faktisch und organisatorisch die führende Unternehmerfigur. Carl Happach und Dr. Ewald Gast leiten die Konserven- und Schokoladenfabrik und sind ebenfalls mit im Vorstand. 1927, im Alter von 88 Jahren, stirbt Senior Hugo Meyer. Wie bereits sein Bruder und Vater wird er auf dem heutigen alten Friedhof beigesetzt. Dr. Dr. h. c. Friedrich erhält 1926 die Ehrendoktorwürde der Technischen Hochschule Berlin-Charlottenburg. Kurz darauf erkrankt er schwer und stirbt am 26. Januar 1928 mit nur 58 Jahren. Die Zuckerraffinerie Tangermünde AG mit ihren drei Sparten steht vor einer Zäsur.
Brandbilder der Würfelanlage vom 18. Dezember 1923


die unteren 6 Bilder zeigen die neu aufgebaute Würfelanlage
Die Führung formt sich nach dem Tod von Dr. Dr. h. c. Friedrich Meyer im August 1928 neu. Der älteste Sohn des Verstorbenen, Friedrich Meyer junior, tritt neben Carl Happach und Ewald Gast in den Vorstand ein. Durch eine Studium an der Berliner Handelshochschule und praktische Erfahrung in London und New York ist er bestens vorbereitet. Als weitere Vertreter der vierten Generation nehmen in folgenden Jahren 3 weitere Personen verantwortungsvolle Führungsfunktionen im Unternehmen ein - der jüngere Bruder Friedrichs, Walter Meyer der ebenfalls wie sein Vater Chemiker ist und außerdem erfolgreicher Rudersportler, der 1932 in Los Angeles bei den Olympischen Spielen im Vierer die Goldmedaille gewann. Dazu kommen die beiden Schwager Friedrichs, Günter Hoffmann und Walther Echarti. Friedrichs Cousin, Paul Meyer, ausgebildeter Maschineningenieur ist bereits seit einiger Zeit im Unternehmen.


Flugzeugaufnahme von 1925
Das Deutsche Reich stürzt 1929 in eine tiefe wirtschaftliche Krise. Der Zusammenbruch der New Yorker Börse am „Schwarzen Freitag“, dem 25. Oktober bedeutet für viele amerikanische Unternehmen, aber auch deutsche, die Insolvenz. Auch für die deutschen Schokoladenhersteller hat die Wirtschaftskrise weitreichende Folgen. Viele Fabriken schließen oder wechseln den Besitzer. In Tangermünde sehen Carl Happach, Ewald Gast und Friedrich Meyer die Chance einer Übernahme. Sie kaufen 1930 die alteingesessene Dresdner Schokoladenfabrik Lobeck & Co. Allerdings erweist sich dies als ein Verlustgeschäft, was auch den kommenden Jahren eine Belastung wird, die aber dennoch durch die erfolgreichen Feodora und Falter ausgeglichen werden können. Mit hoher Arbeitslosigkeit und großer Not spitzen sich ab 1930 politische Auseinandersetzungen in Deutschland zu. Vor allem Nationalsozilisten finden Anhänger. Am 30. Januar 1933 wird Adolf Hitler zum Reichskanzler gewählt. Die nationalsozialistische Bewegung setzt sich in Tangermünde erst bei den Märzwahlen 1933 durch. Die Stadt ist noch geprägt von einem „roten Übergewicht“, doch erste Verhaftungen sorgen bereits für Einschüchterung. Kurz darauf ist Tangermünde unter nationalsozialistischer Kontrolle. Nachdem Bürgermeister Henninger entlassen wurde, beginnen die Vorbereitungen für die Tausendjahrfeier. Die Einweihung der neuen Elbbrücke bietet Anlass für diese mit großem Aufwand inszenierte Veranstaltung. In diesen Tagen zieht Tangermünde 50.000 Besucher an. „Solche Menschenmassen hat die tausendjährige Stadt noch nie gesehen. Kein Haus ohne Schmuck, Fahnen und Fähnchen. Hakenkreuzfahnen dekorieren die gesamte Stadt. Die Zuckerraffinerie Tangermünde nutz das Spektakel zur Selbstinszenierung. Die Zuckermeyer-Unternehmer lassen Festposter drucken und schalten große Anzeigen in der Festzeitung. Vorstand Friedrich Meyer charakterisiert darin das Familienunternehmen als „Denkmal deutschen Unternehmungsgeistes, deutschen Mutes und deutscher Hingebung an das Werk“. Paul von Falkenried, der zweite Mann von Hermann Meyers Tochter Johanna, gehörte zu den Hauptorganisatoren dieser Tausendjahrfeier die vom 2. - 11. September 1933 dauerte.

1933 kommen Gerüchte auf, die Meyer seien eine jüdische Familie. Aus Angst vor einem Rückgang ihrer Geschäfte wenden sich die Unternehmer an den nationalsozialistischen „Kampfbund des gewerblichen Mittelstandes“. Die daraufhin ausgestellte Bestätigung, dass die Firma Zuckerraffinerie Tangermünde ein rein christliches Unternehmen ist, wird 1933 mit einem Anschreiben an die Kunden verschickt. Zu einem Wechsel im Vorstand kommt es 1935 als Dr. Ewald Gast aus dem Führungstrio ausscheidet. Auf diese Position folgt Paul Meyer. Im Oktober 1938 übernehmen die Vertreter der vierten Generation die Führung. Carl Happach 64 Jahre alt, zieht sich zurück und wechselt in den Aufsichtsrat. Von nun an leiten Friedrich Meyer, als Vorstandsvorsitzender, sein jüngerer Bruder Walter Meyer, sowie Cousin Paul Meyer. Alle drei Vorstandsmitglieder wohnen mit ihren Familien in Tangermünde. Dr. Friedrich Meyer lebt in der in unmittelbarer Nähe der Zuckerfabrik erbauten Villa. Paul Meyer wohnt in der Arneburger Straße 120. 

Als am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg ausbricht, ändert sich das Leben für die Familien Meyer radikal. Zu diesem Zeitpunkt arbeiten in den drei Meyerschen Fabriken mehr als 2000 Menschen. Da zu Kriegsbeginn männliche Arbeitskräfte eingezogen werden, wird es schwieriger die Produktionsanforderungen zu erfüllen. Im Oktober 1939 werden siebzig Kriegsgefangene aus polnischen Gebieten zugeteilt. 1940 steigt die Zahl der Zwangsarbeiter weiter an. Der Anbau von Zuckerrüben gilt als „kriegswichtig“, denn Rüben dienen als Viehfutter und sichern so die Fleischproduktion. Die Zuckerraffinerie erhält mehr Rohzucker und steigert die verarbeiteten Mengen 1940/ 41 von 3,2 auf vier Millionen Zentnern. Zusätzlich produziert die Schokoladenfabrik ab 1942 nach Vorgaben des Obersten Heereskommandos eine „Wehrmachtschokolade“. An die Front geliefert werden zusätzlich Nährstangen aus Dauermilch und spezielle Bonbons für die Verpflegungspakete der Wehrmacht. Bis zu 800 ausländische Arbeitskräfte habe man zum Arbeitseinsatz bringen müssen, hatte Friedrich Meyer nach Kriegsende zu Protokoll gegeben.

In der Nacht auf den 24. September 1943 wird die größte deutsche Zuckerraffinerie im badischen Frankenthal vollständig zerstört. Daraufhin erhält die Zuckerraffinerie Tangermünde noch größere Rohzuckerkontingente und Sonderfreigaben. Friedrich Meyer stellte im März 1944 fest: „wir haben Verladeziffern erreicht wie nie zuvor“. Die Arbeitszeit wird auf 60 Stunden pro Woche erhöht. Ab September 1944 gilt eine vollständige Urlaubssperre. Vorstand Paul Meyer, der seit März 1941 zur Leitung der Schokoladenfabrik vom Kriegsdienst freigestellt war, wurde ab 1943 nun wieder einberufen. Im Januar 1945 wird Walter Meyer zum Volkssturm eingezogen und kehrt im April 1945 verwundet zurück nach Tangermünde. Mit dem Einzug amerikanischer Truppen kommt die Produktion der Meyerschen Fabriken im April 1945 ganz zum Erliegen. Der 8. Mai 1945, mit der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands, gilt als das offizielle Ende des 2. Weltkrieges. Im Juni wissen Friedrich und Walter Meyer bereits, dass Tangermünde zur sowjetischen Besatzungszone gehören wird. Nach dem Abzug amerikanischer ziehen am 1. Juli 1945 sowjetische Truppen in Tangermünde ein. Drei Tage später wird Friedrich Meyer, während er mit seiner Familie und Kindern zu Tisch sitzt von sowjetischen Soldaten mit vorgehaltenen Maschinenpistolen verhaftet. Seinem Bruder Walter ergeht es ebenso. Die Familienangehörigen werden lange im Ungewissen über das Schicksal der Brüder gelassen. Walter Meyer, den ehemaligen Olympiasieger, brachte man in das sowjetische Speziallager Ketschendorf. 1947 wurde er nach Fünfeichen verlegt und 1948 nach Buchenwald, wo er noch im selben Jahr starb. Friedrich Meyer wurde ebenfalls erst in Kretschendorf und anschließend in Fünfeichen inhaftiert. Nach seiner Entlassung im Juli 1948 übernahm er die Treuhandschaft für das Vermögen der Zuckerraffinerie Tangermünde in den Westzonen.

Am 6. Juni 1946 beschließt der Provinzialausschuss der Provinz Sachsen einstimmig, sowohl die Zuckerraffinerie als auch die Schokoladenfabrik, die Konservenfabrik und die dazugehörige Landwirtschaft entschädigungslos zu enteignen. Friedrich Meyers Frau Hertha legt umgehend Widerspruch ein, doch am 19. Juni 1946 erneuert der Einspruchsausschuss die Enteignung. Auch spätere Einsprüche sind vergebens.

120 Jahre nach Gründung der ersten Zuckersiederei in Tangermünde hat die Unternehmerfamilie Meyer in der sowjetischen Besatzungszone alles verloren. Einzige Grundlagen für einen Neuanfang sind neben Know-how, Erfahrung und Kontakten die Besitz- und Geldwerte, die sich 1946 im Westen befinden: zwei Dampfschiffe und das Vermögen aus dem Verkauf der Tangermünder Rohzuckervorräte. Bis 1947 treiben Lando und Echarti 13 Millionen Reichsmark für die Familiengesellschaft ein.




Nach der Enteignung, Anfang 1946, kam es zur Demontage der Zuckerraffinerie. Die Konserven und Schokoladenfabrik blieben erhalten und die Produktion sollte durch den Beschluss der sowjetischen Militärregierung fortan im nun volkseigenen Betrieb wieder aufgenommen werden. Es fehlte jedoch an wichtigen Rohstoffen, sowie an erforderlicher Sachkenntnis. Den Marmeladen wurden Möhren und Kürbisse untergemischt. Die Qualität war schlecht und der Absatz stieg lediglich deshalb, weil es an Grundnahrungsmitteln wie Fleisch und Butter fehlte. Die Qualität nahm jedoch im Laufe der Jahre zu. Anfangs wurden Vierfruchtmarmeladen produziert. Später folgten Konfitüren. 1985 erfolgte die Umwandlung des Betriebes in VEB Ogema, welcher ab dieser Zeit der größte Obstkonservenhersteller der DDR war. Die Produkte wurden etikettiert mit dem Tangermünder Rathaus als Logo und waren im Osten Deutschlands ein Qualitätsbegriff. Die Schokoladenfabrik wurde wie auch die Obstkonservenfabrik 1953 dem Verband der Konsumgesellschaft unterstellt und nannte sich ab sofort "Konsü". Mit der politischen Wende 1989 wurde die Schokoladenfabrik in eine GmbH umgewandelt und hieß nun "Tangetta". Im Frühjahr 1991 erfolgte unter Verwaltung der Treuhandanstalt die endgültige Demontage der Produktionsanlagen. 
 

 
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